Mit den US-Krimiserien wie CIS & Co. habe ich mich nie so richtig anfreunden können. Dann bin ich auf The Shield und The Wire gestoĂen, 2 Serien, die sich auf erzĂ€hlerische Weise mit den KriminalitĂ€tsproblemen moderner US-GroĂstĂ€dte auseinandersetzen, allerdings auf durchaus unterschiedliche Art. Beide Serien stammen aus den letzten 10 Jahren, sind inzwischen abgeschlossen und in der englischen Fassung fĂŒr 50-60 Euro zu bekommen, wenn man etwas Geduld beim Stöbern hat. Das Besondere an beiden Serien ist, daĂ sie fortlaufende Geschichten erzĂ€hlen. Die Charaktere und ihr Umfeld entwickeln sich weiter, und beide Serien zeigen die hochkomplexen Wechselwirkungen der Charaktere und Ereignisse untereinander.
The Shield
The Shield schildert in 7 Staffeln die Geschichte eines Polizeireviers im fiktiven Farmington-Bezirk von L.A., der von Gang-KriminalitĂ€t gekennzeichnet ist. Im Mittelpunkt steht das Strike Team, eine Ă€uĂerst effektive Anti-Gang-Einheit mit sehr zweifelhaften Methoden und einer Menge Dreck am Stecken. Die Mitglieder des Strike Teams verstricken sich immer tiefer in kriminelle Machenschaften, aus denen sie immer schwerer herauskommen. weitere Hauptpersonen sind der Revierleiter mit politischen Ambitionen sowie uniformierte und zivile Polizisten, die mehr oder weniger sauber ihre FĂ€lle zu lösen versuchen. Auf der anderen Seite werden auch einige Antagonisten ĂŒber einen lĂ€ngeren Zeitraum aufgebaut.
Im Gegensatz zur klassischen Krimiserie, bei der pro Folge ein oder mehrere FĂ€lle abgeschlossen werden, werden bei The Shield einzelne FĂ€lle in mehreren (nicht unbedingt aufeinanderfolgenden) Folgen oder sogar Staffeln behandelt. Damit Ă€hnelt das Konzept der Serie Klassikern wie Polizeirevier Hill Street, nur mit noch gröĂerer Konsequenz.
Trotz der sehr komplexen Storyline kann man The Shield durchaus als Action-Serie bezwichnen, denn sobald das Strike Team zuschlÀgt, geht die Post ab.
+ Sehr spannende Serie mit komplexen Handlungsbögen und ohne Schwarz-WeiĂ-Malerei. Gute Schauspieler (nur ausgerechnet Forest Whitaker ĂŒberzeichnet seine Figur ein wenig zu stark), ĂŒberzeugende Charakterentwicklung und viele NebenhandlungsstrĂ€nge. Ein Markenzeichen der Serie ist zynischer, schwarzer Humor. Sehr schicke Box mit einem HĂ€ngeregister fĂŒr jede Staffel.
- Leichte LĂ€ngen vor allem in den letzten Staffeln bezogen auf den Haupthandlungsstrang, der auch in 6 Staffeln hĂ€tte abgehandelt werden können. Etwas unrealistisch wirken auch die Erfolge des Strike Teams - selbst die hĂ€rtesten Gangster werden immer zum Reden gebracht. Eine Ausnahme bilden hier nur die ganz groĂen Bosse.
The Wire
The Wire ist die Lieblingsserie der Kritiker, und das zu Recht. In 5 Staffeln werden die komplexen ZustĂ€nde in Baltimore dargestellt, einer heruntergekommenen Industrie- und Hafenstadt nahe Washington DC mit einer der hĂ€chsten Mordraten in den USA. Im Mittelpunkt steht eine Sondereinheit der Polizei, die mit modernen Abhörmethoden gegen die organisierte DrogenkriminalitĂ€t vorgehen soll. Die Mitglieder dieser Einheit und ihr weiterer Werdegang in unterschiedlichsten Abteilungen der Polizei von Baltimore, Politiker, Gangster und eine kaum ĂŒberschaubare Anzahl weiterer Protagonisten werden ĂŒber 5 Staffeln weiterentwickelt, wĂ€hrend immer neue Charaktere hinzustoĂen. Jede Staffel setzt einen anderen Schwerpunkt, wobei die 2. Staffel etwas aus dem Rahmen fĂ€llt, da im Gegensatz zu den ĂŒbrigen Staffeln viele der Protagonisten in spĂ€teren Staffeln keine Rolle mehr spielen. Die Polizei hat dabei gegen Einmischungen aus der Politik genauso zu kĂ€mpfen wie gegen ihre eigentliche Zielgruppe, die Kriminellen. Geldmangel, umgekehrte Diskriminierung (Baltimore ist zu 65% afroamerikanisch) und stĂ€ndige politische Machtspiele bringen die Polizisten dabei immer wieder an den Rand der LegalitĂ€t, um ĂŒberhaupt effektive Polizeiarbeit leisten zu können. Trotz einiger SchieĂereien ist The Wire eher keine Actionserie. Die gröĂten Erfolge werden durch AbhörmaĂnahmen erzielt, manche Folgen sind kaum noch als Krimi zu bezeichnen.
+ Eine ungewöhnlich groĂe Anzahl an gut ausgearbeiteten und durchweg hervorragend gespielten Charakteren, sehr spannende und gut durchdachte FĂ€lle. Auch hier keine Schwarz-WeiĂ-Malerei, die BeweggrĂŒnde der einzelnen Figuren kommen ĂŒberzeugend herĂŒber. Der Handlungsbogen breitet sich immer wieter aus und baut staffelĂŒbergreifend auf Ă€ltere Folgen auf.
- Die Haupthandlung der 5. Staffel wirkt leider zu unrealistisch, auĂerdem hĂ€tten hier ein oder zwei zusĂ€tzliche Folgen nicht geschadet, um den weiteren Werdegang einiger Figuren plausibler werden zu lassen. Sehr spartanische Box.
The Wire vs. The Shield
Obwohl beide Serien herausragend sind, schlĂ€gt fĂŒr mich The Wire The Shield um LĂ€ngen. Wenn auch 2 Staffeln kĂŒrzer, gelingt es The Wire noch besser, die komplexen BeweggrĂŒnde der Charaktere und die ZwĂ€nge, die ihre Handlungen bestimmen, darzustellen. Bis auf den Haupthandlungsstrang der 5. Staffel wirkt die Handlung in The Wire auch realistischer als im insgesamt doch konventionelleren The Shield. Und auĂerdem bietet The Wire Omar, eine der coolsten Figuren, die ich je auf dem Bildschirm gesehen habe.
Ich gebe The Shield trotzdem 5 von 5 Punkten und eine uneingeschrÀnkte Kaufempfehlung. The Wire sprengt dagegen jede Bewertungsskala. Wer anspruchsvolle Unterhaltung schÀtzt, kommt an dieser Serie nicht vorbei.