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Autor Thema: Napoleonic Wargaming von Neil Thomas  (Gelesen 104 mal)

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felixs

  • Leinwandweber
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Napoleonic Wargaming von Neil Thomas
« am: 18. Mai 2026 - 10:54:01 »

Ich dachte, ich berichte mal; vielleicht interessiert das ja jemanden.

Habe solo das Regelwerk zu Napoleonic Wargaming aus dem gleichnamigen Buch von Neil Thomas ausprobiert. Neil Thomas ist ja als Autor von One Hour Wargames berühmt. Und eigentlich kann man, wenn man One Hour Wargames  schon ahnen, was einen in  Napoleonic Wargaming erwartet - Stärken und Schwächen sind ähnlich.

Zuerst die Grundlagen: Jede Seite hat genau acht Einheiten; was genau diese Einheiten sind ist nicht geklärt. Der Abstraktionsgrad ist also ziemlich hoch. Die Einheiten können, sofern es sich um Infanterie handelt, allerdings in unterschiedliche Formationen gehen: Linie, Angriffskolonne, Marschkolonne, Karree. Demnach müssten es eigentlich Battalione sein; dafür ist aber die Abstraktion dann wieder ein wenig hoch. Nun ja. Vermutlich ist der Punkt eher, dass es sich nach napoleonischer Kriegsführung anfühlen soll und da gehören für viele die Formationen ja dazu. Für mich nicht unbedingt, insofern bin ich vielleicht auch nicht ganz die Zielgruppe.
Einheiten bestehen normalerweise aus vier Bases, die auch als Verluste entfernt werden können. Kampfwerte berechnen sich teils über Bases, teils über andere Zuschläge und Abzüge.
Siegbedingung ist es, die gegnerische Seite auf zwei (!) Einheiten zu reduzieren. Interessant ist die Durchbruchsmechanik: Wenn man eine Infanterieeinheit über die gegnerische Aufmarschzone vom Spielfeld laufen lässt, muss der Gegner sofort zwei (beliebige) Einheiten entfernen. Das gefällt mir in der Theorie gut; in der Praxis kann das recht seltsam werden.

Die Bewegungsregeln sind simpel, haben auch reichlich Lücken. Fragen, wie etwa wann genau man als in einem Geländestück stehend zählt, was passiert, wenn man ein Dorf betritt oder verlässt bleiben offen. Die Bewegungsreichweiten sind überraschend fein aufgegliedert und in Zentimetern angegeben. Die unterschiedlichen Arten von Kavallerie bewegen sich nach einem auf wenige Zentimeter gestaffelten System - man müsste hier eigentlich sehr genau messen, wenn man das wirklich berücksichtigen wollte. Gleichzeitig geben die Regeln für Drehungen und andere geometrische Probleme das gar nicht her. Hier muss man sich mit einer unbekümmerten Herangehensweise, ggf. mit Hausregeln behelfen. Solo kein großes Problem, beim Spiel mit zwei Spielern wird die mangelnde Planbarkeit wohl schnell für Meinungsverschiedenheiten sorgen. Wer  One Hour Wargames kennt, kann einschätzen, wie das ist.

Gleiches gilt für den Kampf - Dinge wie Flankenangriffe gibt es natürlich, ebenso klar ist, dass es keine Definitionen dafür gibt. Grundsätzlich wird, beim Schießen wie beim Nahkampf, eine von diversehen Faktoren beeinflusste Anzahl von w6 gegen einen Zielwert geworfen und verursacht dann Treffer. Es gibt Rettungswürfe für Deckung und einige andere Faktoren. Das funktioniert ganz gut, wirklich spannend oder gar emotional fand ich es aber nicht. Verluste gehen linear und eher langsam runter. Im Nahkampf wird es dann beim Rückzug kritisch (sollte es ja auch). Auch hier fehlen wieder Definitionen, was mir sogar solo Schwierigkeiten bereitet hat. Eine Einheit wird nämlich vernichtet, wenn sie sich wegen einer im Weg stehenden eigenen Einheit nicht weiter zurückziehen kann. Das ist problematisch, weil nicht klar geregelt ist, wie das zu messen ist und in welche Richtung der Rückzug erfolgt. Eine strenge Auslegung führt jedenfalls dazu, dass Kavallerie eine ganze Bewegungsreichweite (bis zu 26 cm) freien Raum im Rücken haben sollte. Das wäre dann zwei oder drei komplette Bewegungen von Infanterie. Mir scheint das alles nicht so recht zusammen zu passen.
Interessant übrigens auch, dass Kavallerie in der Regel auch schießt (was wiederum für kleinräumig gedachten Maßstab spricht).

Es sei erwähnt, dass es hier auch einen offensichtlichen Fehler in den Regeln gibt. Die Artillerieregeln ergeben so, wie sie dort stehen, keinen Sinn. Es werden nämlich je nach Reichweite ein oder zwei Würfel geworfen. Diese sollen dann halbiert und aufgerundet werden - es ist unklar, ob die Zahl der Würfel oder die Summe des Ergebnisses gemeint ist. Eigentlich ergibt aber beides keinen Sinn, wenn man sich die Zielwerte anschaut: Diese würden nämlich dazu führen, dass schlechte Artillerie nur bei einem Ergebnis von 11 oder 12 auf zwei Würfeln überhaupt einen Treffer macht. Das kann nicht gemeint sein, da sie dadurch auf lange Reichweite gar nicht, auf kurze Reichweite eben nur mit diesem lächerlich schlechten Wert schießen würde. Vermutlich ist also gemeint, dass die Anzahl der Würfel halbiert wird. Das würde aber dann dazu führen, dass man immer genau einen Würfel hat. Vermutlich ist der Satz dort einfach falsch und hätte gestrichen werden sollen.
Wo wir dabei sind: Die Terminologie ist auch uneinheitlich und auch an anderen Stellen finden sich Widersprüchlichkeiten. Das ist tatsächlich gravierender als bei  One Hour Wargames.

Moraltests gibt es auch, das System ist ebenfalls erfrischend einfach und funktioniert ganz gut, wenngleich es hier schnell sehr stark bergab gehen kann. Geschmackssache.

Die Armeelisten sind ganz schön und versuchen, das Flair der verschiedenen Armeen einzufangen. Das ist teils etwas klischeebehaftet, aber insgesamt stimmig (vielleicht gerade deshalb). Ausgeglichen sind die Listen nicht - Neil Thomas sagt dazu nichts, aber anscheinend gehört das zum Konzept. Ich finde das passend, aber man hätte es dazu schreiben können - gerade auch weil die Regeln ja recht abstrakt sind.

Ich habe über zwei Stunden gespielt, hätte aber länger gebraucht, wenn ich nicht absichtlich auf eine schnelle Entscheidung hin gespielt hätte und dabei taktische Möglichkeiten verschenkt hätte. Eher ein Drei-Stunden-Spiel.
Und das ist nicht so gut, denn im Bereich der Drei-Stunden-Spiele könnte man auch Lassalle spielen und das ist - meine ich - eindeutig besser.

Fazit: Unausgegoren, unfertig, funktioniert leidlich. Wer  One Hour Wargames mochte und keine Probleme mit den Regellücken hatte, der wird hier vermutlich zurecht kommen. Das Hin- und Herwechseln zwischen Abstraktion und Detail muss man dann auch noch mögen.
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Spiele (und habe Material für) DBA, Alien Squad Leader, Hordes of the Things.
Spiele vieles anderes gern mit (Raum Ruhrgebiet, bochumer Umland)

Martha

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Re: Napoleonic Wargaming von Neil Thomas
« Antwort #1 am: 18. Mai 2026 - 13:18:17 »

Auch, wenn ich mich gerade etwas aus dem Geschehen verabschiede....Dankeschön für den Bericht!

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