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Grande Armee in 1/72: Aufbau der napoleon. Armeen und Spielberichte
tattergreis:
--- Zitat ---Militärhistorisch waren 80% der Verluste in napoleonischen Schlachten durch die Artillerie verursacht.
--- Ende Zitat ---
Meinst Du damit 80% der Getöteten oder wie ist diese Zahl zu verstehen?
Maréchal Davout:
--- Zitat von: tattergreis am 09. November 2020 - 14:53:27 ---
--- Zitat ---Militärhistorisch waren 80% der Verluste in napoleonischen Schlachten durch die Artillerie verursacht.
--- Ende Zitat ---
Meinst Du damit 80% der Getöteten oder wie ist diese Zahl zu verstehen?
--- Ende Zitat ---
Ich habe das gerade nochmal nachgelesen: 60-80% der Verluste (also Ausfälle durch schwerere Verwundung, Tod oder in anderer Weise, die dafür sorgt, dass Truppen keine Rolle an dem Tag mehr spielen) direkt auf dem Schlachtfeld.
tattergreis:
Hätte nicht gedacht, dass die % Zahl soo hoch ist, welche Quelle verwendest Du ?
Maréchal Davout:
Militärhistoriker Prof. Dr. Sam Mustafa höchstselbst (Mustafa, La Grande Armée. Historical Note, S. 17). Lese aber gerade nochmal bei John Keegan nach, denn der hatte ähnliches geschrieben. Etwas habe ich da gerade gefunden: Keegan beschreibt u.a. den Erlebnischarakter von Waterloo aus der Sicht der einfachen Soldaten bei dem 27. Regiment (den Inniskillings). Sie kamen um 15 Uhr aus der Reserve und stehen dann fast die gesamte Zeit an der LHS-Kreuzung, bilden gelegentlich Karree und formieren wieder zurück. Ohne selbst in direkte Kämpfe verwickelt worden zu sein, hat das Regiment in vier Stunden 450 Mann fast ausschließlich durch Artillerie verloren (Verwundet oder tot), von den 18 Offizieren war hinterher nur einer nicht verwundet (Keegan, Das Antlitz des Krieges, S. 162). Mercer ist ein Batteriekommandant, dessen Batterie am 18. Juni 700 (!) Salven abgab, er war fast taub am Abend der Schlacht (Keegan, S. 165). Finde bestimmt noch mehr!
Maréchal Davout:
Mehr zur Artilleriewirkung bei Keegan: Die Artillerie sei vor allem für die höheren Verlustraten bei Schlachten des frühen 19. Jh. verantwortlich im Vergleich zu früheren Kriegen (Vgl. S. 166).
Keegan analysiert dann im weiteren die Kämpfe bei Waterloo. In den großen Reiterattacken waren die meisten Verluste der Kürassiere durch die britische Artillerie, die den erstmal im Schritt und kurz vor Ende im Trab anreitenden Kürassieren mehrere Salven Kartätschen entgegen schicken konnte. Dann liefen die Artilleristen in den Schutz eines Karrees, einen Moment schwärmten die überlebenden Kürassiere umher, wurden z.B. vom drohenden Gegenangriff britischer Kavallerie vertrieben und bekamen noch im Rückzug eine weitere Salve durch die britische Artillerie ab. Normalerweise wäre reitende Artillerie mit vorgegangen und hätte die Karrees beschossen, was dann wiederum für hohe Verluste (bzw. die entscheidenden Verluste bei der Infanterie während des Kavallerieangriffs geführt hätte). Das Mitvorrücken der reitenden franz. Artillerie habe nur die Enge des Geländes nicht zugelassen (S. 185f.).
Später vergleicht er die Tödlichkeit der Waffen und sagt, dass Kanonenkugeln da auf Platz 1 stehen (wenn man mit ihnen in Berührung kam, war die Tödlichkeit am höchsten), gefolgt von Kartätschenhagel (Vgl. S. 234).
Natürlich sorgen Musketenkugeln immernoch für über meist über 20% der Verluste, aber Keegan erläutert auch, warum sie oft nicht so tödlich bzw. effektiv waren. Viele Salven gingen daneben, weil die Soldaten nicht akkurat zielten (und das auch nicht befohlen/gedrillt worden war), weil die Musketen unpräzise schossen, was euch sicherlich bekannt ist (Vgl. S. 188ff.).
Die Aufgabe von Kavallerie (ins Karree zwingen) und Infanterie war oft, durch ihre Anwesenheit die gegnerischen Truppen dazu zu zwingen, an einem Punkt zu verweilen, an dem sie dann von der Artillerie auseinander genommen werden konnten.
Waren die Breschen im Karree dann groß genug, konnte die Kavallerie eben doch einbrechen oder der Erfolg kam allein durch den Artilliebeschuss. Konnte eine Infanterieformation durch Artilleriebeschuss hinreichend geschwächt werden, konnte sie dann eine Position nicht mehr gegen feindliche Infanterie schützen.
Man braucht also nach wie vor alle drei Truppengattungen, um die Effektivität der Artillerie zu entfalten, aber all dies in den letzten zwei Posts macht deutlich, warum 60-80% Verluste in der Schlacht durch Artillerie bei näherer Überlegung doch nicht so überraschend sind. Abseits des Schlachtfeldes sieht es gleichwohl anders aus, der Kleine Krieg, Krankheiten in Massenheeren sind Felder, wo der Tod oder die Dienstunfähigkeit anders über die Soldaten kommt als durch Artilleriebeschuss.
PS: Bei Waterloo kommt hinzu, dass das Verhältnis zu anderen Truppen recht hoch ist und darum ihre Wirkung auch höher als z.B. bei den Peninsula-Schlachten wo fast immer nicht so viel Artillerie dabei ist. Und auch bei anderen Schauplätzen habe ich zumeist mehr Infanterie im Verhältnis zur Artillerie gesehen als bei Waterloo.
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