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Autor Thema: Christopher Nolan: "The Odyssey"  (Gelesen 461 mal)

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khr

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Christopher Nolan: "The Odyssey"
« am: 21. Juli 2026 - 17:07:54 »

 Der neue Film von Regisseur Christopher Nolan „The Odyssey“ ist jetzt im Kino und im Internet gibt es viel Diskussion darüber. Gestern Abend habe ich ihn mir angesehen. Was ist mein Eindruck?


Vor allem: Der Film ist lang, sehr lang, unnötig lang. Von den knapp drei Stunden hätte man problemlos wohl eine halbe Stunde kürzen können. Viele Szenen sind übertrieben lang, sowohl bei der Action als auch bei ruhigeren Szenen.


Die Handlung hält sich recht eng an das Original, die meisten berühmten Episoden und auch Nebenhandlungen sind dabei und auch gut dargestellt. Ähnlich wie in Homers Odyssee selbst wird die Geschichte nicht chronologisch gezeigt, sondern  mit vielen Rückblenden und Berichten erzählt. Wer die Odyssee nicht zumindest in groben Zügen kennt, wird verwirrt sein, auch wegen der vielen auftretenden Personen. Ein paar Episoden hat Nolan aber weggelassen, so der Besuch bei Äolos, dem Herrn der Winde, die ich persönlich sehr mag, und – wichtiger – die letzte Etappe vor seiner Heimkehr wo er von den Phäaken gastfreundlich aufgenommen wird. Die einzige Episode, die Nolan massiv verändert hat, und nicht zum Besseren, ist die Begegnung mit Kirke.


Die Besetzung ist in Ordnung. Anne Hathaway als Penelope hat mich beeindruckt, wie sie sich als starke Frau unter großem Druck gegenüber den Freiern behauptet, stellt sie glaubhaft dar. Matt Damon macht seine Sache ordentlich, aber richtig beeindruckt hat er mich weder als heldenhafter Kämpfer, noch als Anführer noch als ideenreicher Listenschmied.


Die meisten Nebenrollen sind schauspielerisch in Ordnung. Allerdings sind sie in typisch moderner US-Amerikanischer Weise besetzt, jede ethnische Minderheit erhält ihre Quote, auch wenn man Schwarzafrikaner oder Ostasiaten in der Bronzezeit wohl nur höchst selten im Mittelmeerraum gesehen hat.  Im Internet gibt es eine große Diskussion darüber, dass Lupita Nyong’o die schöne Helena und ihre Schwester Klytämnestra spielt, aber sie macht das ordentlich. Und auch Diane Krüger in „Troy“ war nicht viel glaubhafter. Viel mehr irritiert hat mich, dass in jeder größeren Gruppe, etwa bei der Schiffsbesatzung oder Penelopes Freiern ebenfalls Afroamerikaner oder Asiaten dabei sind. Ein Barde, der einen Gesang über den Trojanischen Krieg vorträgt, ist ein Rapper mit Dreadlocks.


Für uns Antikenfans wichtig ist ja auch immer die Optik. Ich fand sie weitgehend passend. Architektur und Gebrauchsgegenstände muten mykenisch-minoisch an, Kleidung und Rüstungen sind eher klassisch Griechisch inspiriert. Das Schiff des Odysseus ist zu groß und klobig, aber das wird nur Spezialisten auffallen. Zwei Punkte mochte ich allerdings gar nicht: das Trojanische Pferd sieht ganz anders aus als jede andere Darstellung, die ich je gesehen habe. Es ist auch recht unglaubhaft konstruiert. Und die silbernen Rüstungen der Lästrygonen (?) erinnern an WH40K Space Marines.


Die Altersfreigabe ist FSK 12, was für mich sachlich in Ordnung ist, allerdings heißt das auch, dass die vielen Kämpfe zwar actionreich sind und brutal anmuten, aber tatsächlich eher zurückhaltend, was blutige Szenen angeht. Und was Erotik betrifft, ist der Film geradezu prüde, im Gegensatz zu Homer. Mit Penelope gibt es eine intime Dialogszene, mit Kirke passiert gar nichts und auch mit Kalypso kann man allenfalls erahnen, dass sie etwas miteinander haben. Und von Misshandlung, Versklavung und Vergewaltigung von Frauen, etwa bei der Eroberung Trojas oder durch die Freier ist auch keine Rede.


Zusammenfassung: Auch wenn ich Einiges zu bemängeln fand, denke ich persönlich, dass der Film durchaus gelungen ist. Er ist nicht das Meisterwerk, als den ihn manche Kritiker loben, aber mit viel Aufwand und auch Liebe gemacht. Es ist keine verlorene Zeit, ihn sich im Kino anzusehen, aber man kann auch durchaus warten, bis er auf einem Streamingdienst  oder auf DVD erscheint.
 
 
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Frank Bauer

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Re: Christopher Nolan: "The Odyssey"
« Antwort #1 am: 22. Juli 2026 - 12:24:20 »

Ich bin ein großer Nolan Fan.
Der beste, aktive Regissuer, meiner Meinung nach.
Mit Interstellar, Dunkirk, Memento, Inception und Prestige hat er Meisterwerke geschaffen.
Genauso gehört Homer zu meinen geliebten Autoren. Die Illias und die Odyssee simd Meilensteine der Literatur. Unerreicht. Stilprägend.
Die Odyssee von Nolan ist leider kein Meisterwerk, meiner Meinung nach , aber auch kein schlechter Film für mich. Zu lang, da gebe ich Karl Heinz recht.
Das Kostümdesign ist mehr als fragwürdig. Wenn Agamemnon auftritt, fühlt man sich an Darth Vader erinnert.
Und ja, eine schwarze Helena ist gewöhnungsbedürftig.
Aber die Hautfarbe einer Schauspielerin oder die Rüstung eines Darstellers machen einen Film nicht zu einem guten oder schlechten Film.

Die Handlung bleibt aber leider irgendwie fahrig und ich konnte nicht so richtig mit Odysseus mitleiden und mitfiebern, weil Nolan distanziert blieb.
Den Fall Troias als eine Art Zäsur und Sündenfall der Menschheit darzustellen, fand ich interessant. Wobei die Gräueltaten nach der Erstürmung einer belagerten Stadt (leider) kein Einzelfall waren, sondern eher übliche Praxis, um andere belagerte Städte eher dazu zu bewegen, die Tore frühzeitig zu öffnen, um diesem Schicksal zu entgehen.

Fazit:
Als Homer- und Nolan-Fan muß man den Film gesehen haben.
Als Nur-Homer-Fan liest man beswer die Bücher.
Als Nur-Nolan-Fan guckt man besser einen der fünf oben genannten Filme.
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khr

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Re: Christopher Nolan: "The Odyssey"
« Antwort #2 am: 23. Juli 2026 - 22:22:28 »

Inzwischen gibt es haufenweise Youtube-Videos, wo Leute ihre Meinungen zum Film kundtun.   
Diesen hier kann ich empfehlen: Ein Interview (auf Englisch) mit Emily Wilson, die vielgelobte Übersetzungen der Ilias und der Odysee geschrieben hat:
https://www.youtube.com/watch?v=ywEJesNh0pY
Sie spricht sowohl über das Original als auch über den Film. 
Besondere Momente: Sie liest den Beginn der Odysee auf Griechisch: https://www.youtube.com/watch?v=ywEJesNh0pY&t=1170s
  Hier beginnt die Besprechung des Films: https://www.youtube.com/watch?v=ywEJesNh0pY&t=2249s
« Letzte Änderung: 23. Juli 2026 - 22:24:30 von khr »
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Winston

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Re: Christopher Nolan: "The Odyssey"
« Antwort #3 am: 26. Juli 2026 - 04:26:11 »

Die Aussage "Lang" kann ich unbedingt unterschreiben, hätte allerdings eher eine ganze Stunde gestrichen.
Die Diskussion über "korrekte" Ausstattung irritiert mich nachhaltig. Verfilmt wurde ein erfundener Stoff aus der Welt der griechischen Mythen.
Zeitlich sind weder das Leben Homers (sollte er den überhaupt gelebt haben) noch der trojanische Krieg (sollte der den überhaupt stattgefunden haben) vernünftig festzulegen. Grob geschätzt reden wir hier von einem möglichen Zeitrahmen von 400-500 Jahren.
Was genau soll da jetzt "historisch korrekt" dargestellt werden? An eine ähnliche Diskussion in vergleichbaren Situation kann ich mich nicht erinnern. Hat sich seinerzeit bei Excalibur (1981) jemand so intensiv mit den völlig unpassenden Rüstungen (vom Rest der Ausstattung ganz zu schweigen) beschäftigt?

Bezüglich Diversität. Es ist ein amerikanischer Film für ein amerikanisches Publikum. Da wird Diversität entweder erwartet, oder mit allen Mitteln unterdrückt.
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Decebalus

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Re: Christopher Nolan: "The Odyssey"
« Antwort #4 am: Heute um 11:19:57 »

Es ist zwar alles gesagt, aber noch nicht von jedem. Also auch mal mein Senf (Achtung Spoiler).

Ich finde den Film ziemlich misslungen und zwar vor allem aus drei Gründen:

1. Kostümdesign. Was hat die denn geritten? Agamemmnon als Darth Vader, silbrig-glänzende Laistrigonen, Trojaner in weißer Pappmaché, Calypso im Fischnetz-Kleidchen. Der Film sieht einfach viel zu oft schlecht aus, was einen rausreißt.

2. Action-Szenen. Man muss wohl einfach festhalten: Nolan kann keine Kampfszenen. Ich bin vielleicht verwöhnt, weil ich drei Tage vorher Ridley Scotts "Last Duel" gesehen habe, der einen (übrigens auch vom Drehbuch nicht passenden) fulminanten Endkampf hat. Aber in Nolans Film sind alle Kampfszenen nur wildes Rumgerenne ohne Ordnung. Wenn eine Seite Pfeil und Bogen hat, hat die andere auf jeden Fall ihre Schilde vergessen. Und wenn es haarig wird, gibt es einen Schnitt und das Problem ist gelöst (der am Boden liegen Odysseus steht plötzlich wieder).

3. Grundidee. Nolans Odysseus ist kein listiger Abenteurer, sondern ein traumatisierter Kriegsveteran, der mit dem Pferd ein Kriegsverbrechen gegen die Regeln des Gastrechts begangen hat. Das macht Odysseus zu einer Art Oppenheimer 2. Das läuft zwar komplett gegen Homer, kann man aber machen. Und ist eigentlich auch eine interessante Idee. Aber dann muss diese Idee konsequent umgesetzt werden. Und dann passt eben überhaupt nicht, dass am Ende des Films doch versucht wird, den Hollywood-Held zu retten. Die Gewalt in Troja könnte deutlich weiter getrieben sein (warum bringt eigentlich Odysseus nicht selbst die Priesterin/Athene um), sie wirkt irgendwie ästhetisiert in Feuer und zusammenbrechenden Türmen. Vor allem aber müsste die Ermordung der Freier als Steigerung des Verbrechens gegen die Gastfreundschaft inszeniert werden: als brutales Gemetzel mit Odysseus als Täter. Indem aber den Freiern kurz nach Beginn Waffen gegeben werden, wird es doch zum "fairen" Kampf eines Helden gegen eine Übermacht umgewandelt. Bezeichnend auch, dass uns der Tod der verräterrischen Magd nicht gezeigt wird - die wäre wohl doch zu sehr Frau und unbewaffnet gewesen. Und dass am Ende Odysseus udn Penelope in  der Hoffnung auf die Wiederkehr der Zivilisation in den Sonnenuntergang segeln, ist nicht nicht nur Kitsch, sondern ruiniert die Message des traumatisierten Kriegsverbrechers.
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